Echte Salzburger Mozartkugeln muss man sich manchmal schwer erkämpfen

E

Endlich wieder Montag. Mal abgesehen von der typisch montäglichen Morgenqual, die in der Regel mit „ich will aber nicht aufstehen“ beginnt, hat dieser durchaus und berechtigterweise unbeliebte Wochentag in meinem Leben so seine Reize. Denn Montag ist Spaziergehtag, was erst einmal gar nicht übel klingt. Jeden Montag gehe ich mit Gästen auf einen historischen Spaziergang durch das schöne Heringsdorf. Und jeden Montag gleicht es wieder einer Lotterie: Wie viele? Woher? Wetterfühlig? Die letzte Frage ist tatsächlich berechtigt, weil es ist zu heiss, zu kalt, zu windig, zu nass, zu….ach, irgendwas ist immer.
Also schwinge ich mich voller Vorfreude Punkt 14 Uhr in die Lobby und werde begrüßt mit einem spitzzüngigen „Wie lange sind wir eigentlich unterwegs? Spätestens halb 4 müssen wir zurück sein. Wir haben Massagen!“ Ahhhhja. Das fängt schon mal gut an. Ich nicke wohlwollend und bitte nur um ein kurzes Zeichen, wenn die Herrschaften zu halb 4 das Rudel verlassen. Wobei das Rudel heute ein klägliches Grüppchen von 5 Personen war, mich eingeschlossen.
Nun habe ich gelernt, mir für meine Monologe immer ein nettes Augenpaar im Publikum zu suchen. Das macht die Sache persönlicher und es mir leichter. Zwei Augenpaare mit Massageterminen in spe fallen schon mal raus. Bleiben zwei nette Damen mittleren Alters, die sich alsbald als Österreicherinnen outen und diesen typischen Wiener Umgangston pflegen. Schon auf den ersten 100 Metern fallen sie mir mit gleichbleibender Regelmäßigkeit ins Wort, nicht um Fragen zu stellen, sondern um Feststellungen in Frageform zu verstecken. Jetzt wird’s hart, denke ich, denn meine manchmal äußerst pommersche Seele mit diesem sympathischen Hang zu Gefühlsduselei neigt in solchen Situationen zu….wie sagte meine Urgroßmutter immer so schön…Bockigkeit. Was jedoch nichts hilft, denn ich habe meinen Job zu machen. Ich kämpfe also äußerlich mit zwei Massageterminen und Wiener  Schnösligkeit im Doppelpack. In mir drinnen balgen sich Ich und Über-Ich, wie Freud es wohl ausdrücken würde.
Der Höhepunkt ist erreicht als beim kaiserzeitlichen Literaturtip eine der Damen auf einen Papierkorb verweist. In einem eben solchen würde das literarische Erinnerungsstück wieder zurück in Österreich eh landen. Ich und Über-Ich geben urplötzlich Ruhe und entscheiden sich für…Resignation. Ich drücke nur noch Play und spule meine Montags-Spaziergeh-Platte routinemäßig ab. Spitzfindigkeiten werden lächelnd ignoriert und keine 20 Minuten später sehe ich mich 4 durchaus sympathischen Geschichtsinteressierten gegenüber, die seit geraumer Zeit meinen Worten lauschen und plötzlich in unerwartete Lobesreden über Bädervillen, Kaiserflair und Flugverbindungen ausbrechen. Hab ich sie also doch noch gekriegt.
Am Ende erreichen wir fröhlich und alle gemeinsam das Hotel. Wo etwas später 3 köstliche Echte Salzburger Mozartkugeln auf mich warten, weil meine vermeintlich Wiener Damen doch aus dem schönen Salzburg stammen.

Über die Autorin

Claudia Christel Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

1 Kommentar

Kategorien

Claudia folgen

Neue Beiträge direkt ins eMail-Postfach.