Der andere Morgen – Kapitel 2

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Dieses Kapitel ist eine Fortsetzung von Der andere Morgen – Kapitel 1

Seit drei Stunden stand der Zug nun schon im Bahnhof. Ich hatte den Schaffner informiert und der wiederum die verantwortlichen Stellen. Jetzt trugen zwei schwarz gekleidete Männer einen Sarg aus dem Abteil. So einen, wie ich ihn schon einmal gesehen hatte. Damals am Strand, an einem Sonntagmorgen. Ein alter Mann war in der Ostsee ertrunken. Wasserleichen sehen schrecklich aus. Vorher hatte ich immer Angst vor solchen Erlebnissen. Doch sie bringen uns nicht um. Sie erschüttern und verwirren uns, für Stunden, vielleicht für Tage. Dann legt das Leben seine Ereignisse über den Augenblick und er beginnt zu verblassen. Ich kannte den Mann nicht. Vielleicht war er mir schon einmal in den Straßen von Bansin begegnet und wieder aus meinem Blick verschwunden, wie so viele tagein und tagaus.

Der Wind pfiff den Bahnsteig entlang und lies die Haare der anderen Fahrgäste wehen. Mir war kalt. Meine Jacke hing noch im Abteil. Die Sonne versuchte durch das schmutzige Fensterglas auf der anderen Seite der Gleise zu dringen. Vergeblich. Der Dreck von Jahren, vielleicht Jahrzehnten, klebte hier. Und dahinter eine Stadt, die ich nicht kannte.
Eine Frau in einem langen, olivfarbenen Mantel kam zu mir. Ihr blondes Haar fiel in leichten Wellen auf ihre Schultern. Sie war schön. Zu schön für einen traurigen Morgen auf einem Bahnsteig in einer fremden Stadt. Sie sah mich an, zog den Mantel aus und legte ihn mir über die Schultern. Ich spürte, wie ihre Wärme in meinen Körper drang und das Zittern langsam verschwand.
„Danke“, sagte ich leise und war für einen Moment über meine Stimme erstaunt. Alles schien in einer Zwischenwelt zu schweben. Nur meine Stimme nicht.
Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter. „Ich hole uns was Heißes zu trinken. Kaffee?“
„Nein, keinen Kaffee. Ich mag keinen Kaffee.“
Sie nickte und ging.

Auf die Fragen, die auf mich einprasselten, hatte ich keine Antworten. Ich kannte die Frau aus dem Abteil nicht. Sie war wie ich am Abend zuvor in Zürich in den Zug gestiegen, einen kleinen Koffer bei sich, den ich ihr in die Ablage gehoben hatte. Sie hatte sich freundlich bedankt und mir war der norddeutsche Klang ihrer Stimme aufgefallen.
„Wir glauben, sie ist eines natürlichen Todes gestorben“, sagte der Beamte. „Tut uns leid, dass Sie diese Erfahrung machen mussten. Geht es Ihnen soweit gut?“
„Ja, ich bin ok“, antwortete ich langsam. „Kann ich ins Abteil? Meine Sachen sind noch dort.“
„Wir haben Ihre Sachen in einen anderen Wagon gebracht. Dieser bleibt gesperrt. Sie sitzen jetzt vorn im zweiten Wagon. Platz 86. Fensterplatz.“ Er versuchte zu lächeln und ich war ihm dankbar dafür.
Ich unterschrieb meine Aussage und ging zurück auf den Bahnsteig. Das Tageslicht war einem diffusen Halbdunkel gewichen. Es donnerte. Die blonde Frau kam mit zwei Bechern die Treppe am Ende des Bahnsteigs hinauf. Ihr Gang war entschlossen. Ihr ganzes Wesen trug eine Natürlichkeit, die Vertrauen in mir weckte.
„In 10 Minuten geht es weiter“, sagte sie und ihre Stimme klang ein wenig zu hoch dabei. Sie lächelte und mit ihr ihre Augen.
„Ja, das ist gut. Ich muss noch meinen neuen Platz suchen.“
Der heiße Dampf stieg mir in die Nase und Schluck für Schluck glätteten sich die Wogen in mir. Gedanken fanden ihren Weg in mein Bewusstsein und die Zwischenwelt wich langsam der Realtität. Ich stand auf einem Bahnsteig mit einer schönen, fremden Frau. In der vergangenen Nacht war eine alte Frau in meinem Abteil gestorben. Menschen sterben jeden Tag. Im Bett, auf der Straße und manchmal eben auch in Zugabteilen. Und diese Frau sah so friedlich dabei aus.
Irgendwann zog ich den Mantel von meinen Schultern und reichte ihn der Fremden. Die kalte Luft kroch mir sofort unter die Haut. Ich wäre gern wieder hineingeschlüpft in ihre Wärme.
„Danke“, sagte ich. „Hat beides geholfen. Also der Mantel und der Tee.“ Dann machte mich auf den Weg zum zweiten Wagon.

 

Der andere Morgen – Kapitel 1 lesen.

Über die Autorin

Claudia Christel Pautz

Ich lebe und arbeite auf Usedom. Aus meiner Feder stammen neben den hier veröffentlichten Beiträgen auch die Texte der beliebten Usedom-Bildbände "Ein Jahr auf Usedom" und "Ein Jahr auf Usedom - Erinnerungen". Derzeit arbeite ich an einem Buch über meine Lieblingsplätze auf der Insel.

von Claudia Christel Pautz

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